Aurora musis amica

… „des haaßt uf Deitsch: Morjends schläft mer am Beste.“ Das ist ein Zitat aus der Darmstädter Lokalposse „Der Datterich“, und ich konnte es mir hier nicht verkneifen. Ist aber vermutlich nur für ein kleines Grüppchen südhessischer Insider verständlich und/oder amüsant. „Der Datterich“ ist eine der wenigen Schullektüren, die ich heute noch, zumindest teilweise, auswendig aufsagen kann. Seitdem ich die Datterich-Version von „Aurora musis amica“ kenne, dieses verballhornte Zitat über die Morgenröte, seitdem knallen stets zwei oder mehr Synapsen so zwingend zusammen und lassen die korrekten Übersetzungen wie „die Morgenröte ist den Musen hold“ oder einfacher „Morgenstund hat Gold im Mund“ in meinem Hirn erst anschließend zu (die englische Variante von den frühen Vögeln und den Würmern konnte sich wegen der ekligen Vorstellunge von Würmern im Mund bei mir nicht durchsetzen). Ich schlafe nämlich auch morgens am Besten. Und überhaupt lang, gern und viel. Sternzeichen Murmeltier, Aszendent Siebenschläfer. Viel Schlafen und viel Schreiben gehen aber nicht wirklich gut zusammen. Oder vielleicht, wenn man in einer abgelegenen Hütte lebt und mit sich und seinem eigenen verqueren Schlaf- und Schreibrhythmus allein und jenseits des klassischen Alltagslebens sein kann. Kann nicht jeder. Die Autorin kann es, wie so viele andere schreibende Frauen, nicht. Ich verweise hier gern noch einmal auf dieses Interview mit der Nobelpreisträgerin Alice Munro, die über ihre mühsam zusammengekratzte freie Zeit zum Schreiben (und zusätzlich ohne eigenes Zimmer) Zeugnis gibt. Schon dafür gebührt ihr der Nobelpreis finde ich. Ich vermute, die Form der Kurzgeschichte ist dieser Art des Schreibens geschuldet.

the-isolator-640x539Ich brauche Ruhe zum Schreiben. Gleichförmige Tage und Ruhe. Auch äußere Stille. In den vergangenen Wochen, mit den nicht enden wollenden lauten Bauarbeiten am Haus, und den fröhlichen Bauarbeitern, die mir immer mal wieder von außen vom Gerüst zuwinkten oder mit Zementsäcken an mir vorbeistapften und mir ein launiges „Na, schön fleißig?“ zuriefen, bin ich fast verrückt geworden.

Eine schreibende Kollegin in Australien (Hi Annette!) veröffentlichte neulich scherzhaft dieses Bild eines „Isolators“. Wundervoll! Niemand wird einen so ans Telefon rufen oder verlangen, dass man sich Gedanken über das Mittagessen macht. Mir ist nicht ganz klar, wieso sich diese fantastische Erfindung nicht durchsetzen konnte.

B043_SE_120730_OSTRICH-PILLOW_kawamura-ganjavian_01Eine neuere Variante existiert zwar, die aber in erster Linie dem ungestörten Schlaf an dafür nicht vorgesehenen Orten, sagen wir in Großraumbüros oder Bibliotheken, dient.

Es gibt auf der Seite von Ostrich Pillows viele beeindruckende Bildchen; das mit dem Nickerchen vor dem PC spricht mich irgendwie am meisten an. Und nein, der Kissenhersteller hat mich nicht bezahlt, aber kann ja noch kommen und falls er hier mitliest, hello Mr. Ostrich, I’d really love to test one of your Original OstrichPillows! Please don’t hesitate to contact me! 

Bevor ich vor lauter Lärm und Alltagsanforderungen und deshalb-Nicht-Schreiben-Können verrückt wurde, habe ich mich kurz ins benachbarte Kloster abgesetzt. Stille! Meistens zumindest. Nicht alle, die Stille suchen, sind dann in der Lage, sie auszuhalten, und sonntags ist auf der kleinen Klosterinsel durchaus der Bär los. Aber im abgeschiedenen innersten Klostergärtchen merkte man davon nichts. Die Stundengebete und der mehrstimmige Gesang der Mönche waren beruhigend, und beglückend war für mich, es tatsächlich zur Vigil um 4.30Uhr in die Klosterkirche geschafft und bei einem Inselrundgang danach den Sonnenaufgang gesehen zu haben. Dieses Gefühl, dass mir diese frühen Morgenstunden gut tun könnten, hatte ich schon immer mal wieder. Sehr angesprochen hat mich beispielsweise dieses Interview mit Jeanette Hain. So. Und wissen Sie was? Ich mache das jetzt. Seit meiner Rückkehr aus dem Kloster eigentlich. Um 4.30Uhr vibriert das Handy unter dem Kopfkissen und: Ich stehe auf. Ich, die Längschläferin! Und koche mir einen Kaffee und beginne zu schreiben. Unabgelenkt in einem Kokon aus Dunkelheit und Stille. Und siehe da: Es geht! Ich bin konzentriert und schreibe und schreibe fast wie von selbst. Wie viele Stunden habe ich sonst tagsüber gebraucht, um alles andere auszublenden um konzentriert in meine Geschichte einzutauchen und ein paar wenige Seiten zu schreiben. Alles habe ich abgeblockt, unwillig, stört mich nicht, ich muss Schreiben. Nein, auch das wohltuende frühe Laufen am Meer nimmt mir Zeit weg und geht nicht mehr! Das Schreiben-Müssen hing wie eine dunkle schwere Gewitterwolke monatelang über mir und meiner Umwelt. Als ginge nur Schreiben oder Leben. Jetzt geht beides. Und das morgendliche Strandlaufen kann ich nun sogar genießen, denn ich habe vorher schon geschrieben! Aber das Schreiben ist das Erste am Tag und das Wichtigste! First things first. Irgendwann zwitschert ein Vogel, dann setzt langsam Autolärm ein, es wird heller.

Gut, der Rest des Tages hat eine gewisse Schwere, eine Sieste ist obligatoire und ab 21 Uhr geht nichts mehr. Schon gar kein dreieinhalbstündiger Kurosawa-Film, da kann der Gatte noch so drängend rufen, dass ich Filmgeschichte verpasse. Na, wenn schon. Ich bin müde, ich gehe schlafen. Die Abendfilme nehme ich daher jetzt regelmäßig auf, aber gesehen habe ich erst einen davon, am gestrigen Nachmittag nämlich, den ich wegen akuter Erkältung im Bett verbracht habe. Ein bisschen scheint mein Immunsystem durch die stete Müdigkeit angeknackst zu sein , aber ich bin voller Motivation, morgen wieder in aller Frühe aufzustehen. Aurora musis amica, voilà!